Darmstadt, 18.12.2016 10:45 h

 

Wie baut man ein Elektro-Auto mit Hirn und Darm?

 

 

Die siebte Deutsche Meisterschaft im Science Slam gewinnt Johannes Kretzschmar

 

 

Niemand weiß besser, als Alex Dreppec: „Wer aus Darmstadt kommt, sollte vorsichtig sein mit Körper-Metaphern.“ Der Mann weiß, wovon er spricht. Als Germanist und promovierter Psychologe – aber auch als Darmstädter Dichter. Für seinen ersten Lyrikband bekam er 2004 den renommierten Wilhelm-Busch-Preis für humoristische Versdichtung. Doch sein eigentliches Thema ist die Verständlichkeitsforschung. Kein Wunder, dass er es war, der 2006 den Science Slam erfand. Und wo? In der Hirnstadt Darmstadt – wie er augenzwinkernd gesteht. Wo auch sonst?

 

 

Gemeinsam mit dem Filmemacher Axel Röthemeyer hob er am 29. September 2006 auf ‚603 qm‘ den weltweit ersten Wettbewerb dieser Art aus der Taufe. „Es war gar nicht so einfach, Wissenschaftler zu finden, die in zehn Minuten ihr Forschungsthema allgemeinverständlich vortragen wollten“, erinnert sich Alex Dreppec. Unter einem ‚Science Slam‘ konnte sich einfach niemand etwas vorstellen. Retten konnten sich die beiden Moderatoren nur durch Forscher, die sie aus dem eigenen Studium kannten – wie den Historiker Fabian Oberfahrenhorst, der damals über die Reiselust im Mittelalter referierte.

 

 

Mittlerweile gibt es keine Hochschulstadt in Deutschland ohne eigenen Science Slam. Daneben hat sich das neue Wissenschaftsformat über die ganze Welt ausgebreitet. Immer häufiger drängen junge Forscher auf die Bühnen. Weil sie hier eine Möglichkeit finden, ihre Arbeit einem breiten Publikum vorzustellen. Und weil es obendrein Spaß macht. Das konnten alle Interessierten beim Darmstädter Science-Slam-Festival als Zuschauer erleben. Den Abschluss bildete am Samstag die siebte Deutsche Meisterschaft im Science Slam im ausverkauften Kongress-Zentrum Darmstadtium.

 

 

„Bis ins Innere des Protons“, nahm der Teilchenphysiker Boris Lemmer zunächst einmal die vierzehnhundert Zuhörer mit. Ohne am Wettbewerb teilzunehmen schaffte er es so, die Besucher auf den Science Slam einzustimmen. Es war dieser Vortrag, mit dem Boris Lemmer 2011 in Hamburg die Deutschen Science-Slam-Meisterschaften für sich entschied. Weil er schon immer wissen wollte, wie die Welt funktioniert, hat er sie in immer kleinere Teilchen zerlegt. Dass er damit irgendwann auf die heute noch erkennbaren Spuren des Urknalls stoßen würde, konnte er am Anfang nicht wissen.

 

 

Den eigentlichen Wettbewerb eröffnete dann der Humangenetiker und Kinderarzt Kai Hensel. Eines der Probleme die ihn umtreiben, lautet: „Wie schafft es eine gewöhnliche Vireninfektion zu einer lebensbedrohlichen Krebs-Erkrankung zu werden?“ Viele Zuhörer begriffen am Samstag einigermaßen, wie das alles zusammenhängt mit den Genen, den Zellen, den Proteinen, der DNA – und wie all diese seltsamen Wesenheiten sich in den Blutbahnen fortbewegen. Und schließlich, wie dadurch das Lebenselixier auch in den anderen Tieren und Pflanzen transportiert wird.

 

 

Wie Supraleitungen arbeiten, setzte uns der Festkörperphysiker Philip Willke auseinander. Haben viele von uns doch schon vergessen, wie man ihnen im Physik-Unterricht erklärte, dass kreisförmig fließende Ströme Magnetfelder erzeugen. Dieser „Tanz der Elektronen“ übermittelt also Energie, die woanders dringend gebraucht wird. Dummerweise funktionierte das bisher nur bei sehr niedrigen Temperaturen. Philip Willke entwickelt derzeit ein Verfahren, bei dem dies auch bei Raum-Temperaturen möglich ist. Wenn ihm dies dauerhaft gelingt, hat er „den Heiligen Gral der Festkörperphysik“ gefunden, wie er sagt. Deutscher Vize-Meister ist er mit seinem Science-Slam-Vortrag in Darmstadt schon mal geworden.

 

 

Dass es soweit noch nicht ist, wurde den Zuhörern schlagartig klar, als der Portugiese Ricardo Fernandez das Podium betrat. Da seine Deutsch-Kenntnisse bisher gering sind, hielt er seine Einlassungen in verständlichem Englisch. Damit gewann er auch schon den Regionalwettbewerb in Hamburg. Der Nuklear-Physiker interessiert sich brennend für die Archäologie. Bekanntlich ist es ja dort besonders wichtig, Methoden zu finden, wie man das Alter von gefundenen Objekten bestimmt. Für ihn ist klar: Gegen Kriminelle auf diesem Gebiet würde nur eine Atombombe helfen – leider ist es nicht so einfach, eine zu bauen.

 

 

Zurück zum Menschlichen und Allzumenschlichen führte dann David Maximilian Fußhöller. Das obskure Objekt seiner Begierde ist das männliche Sperma. Eine der nie gelösten Menschheitsfragen ist ja wohl: Wie findet das Sperma zu seiner Eizelle? Er verglich die fünfzig Mikrometer lange Spermazelle mit einem Menschen, der sieben Kilometer durch unbekanntes Wasser schwimmt, um dort eine Partnerin zu treffen. Für eine solche Leistung nehme sich eine Spermie gerade einmal unglaubliche dreißig Minuten Zeit. Wäre sie nicht erfolgreich, gäbe es uns ja gar nicht mehr.

 

 

Mit einem scheinbaren Paradoxon beschäftigt sich Matthias Mader: „Wie kann man unsichtbare Teilchen sichtbar machen?“ Vorgeknöpft hat er sich die Nano-Teilchen. Um das verständlich zu machen, arbeitet er vor allem mit selbst gebauten Modellen. Damit kann er uns nicht nur klarmachen, warum es ihm so wichtig ist, dass sich die Wissenschaft mit diesen winzigen Teilchen beschäftigt, sondern er zeigt auch, wie sie sich fortbewegen – und mit Hilfe von Spiegeln oder Glas sogar sichtbar gemacht werden können.

 

 

Noch kleiner sind die Teilchen, mit denen sich Dennis Schulz aus Heidelberg beschäftigt. Sein „Mocca-Detektor“ soll in einem Teilchenbeschleuniger das ‚Gottesteilchen‘ aufspüren. Bei minus hundertsechzig Grad sollen hier Verhältnisse simuliert werden, wie sie vor über dreizehn Milliarden Jahren im Universum herrschten. Kurz nach dem Urknall sozusagen. Wie beim Fußball werden die Teilchen immer wieder angestoßen, so dass sie sich beschleunigen und beschleunigen und beschleunigen – bis sie uns schließlich verraten, wie das genau war, kurz nachdem unser All auf der Bildfläche erschien.

 

 

Als Uwe Gaitzsch ankündigt, dass er sich ebenso wie Philip Willke mit Supraleitern beschäftigt, wäre beinahe Langeweile aufgekommen. Aber nur für ein paar Mikro-Sekunden. Dann beginnt sein ‚Supraleiter-Rap‘, bei dem er auch die ‚Beat-Box‘ professionell artikuliert. Schließlich schafft er es, dass fast eineinhalbtausend Menschen gemeinsam mit ihm die Supraleiter zum stampfenden Rhythmus von ‚We will rock you‘ besingen. Eine Hochzeit der Naturwissenschaft mit den Musen der Kunst.

 

 

Mit eher alltagspraktischen Problemen schlägt sich Johannes Kretzschmar herum. Wie weiland Frankenstein einen künstlichen Menschen schaffen wollte, schwebt ihm ein Elektroauto vor. So etwas Ähnliches, wie ein perpetuum mobile jedenfalls. Dummerweise hat er nicht viel Ahnung von all den Kenntnissen, die ein Konstrukteur braucht – aber als Informatiker weiß er, einen Computer einzusetzen. Damit kopiert er einfach das System, mit dem menschliche Energie entsteht und übertragen wird. Wie arbeitet eine Zelle? Ist es möglich, solche Zellen zu einem Haufen zusammen zu schließen. Das trägt er so humorvoll trocken vor, dass das Publikum ihn am Ende zum Deutschen Meister im Science Slam kürt.

 

 

Marc Mandel.

 

Johannes Breckner im Darmstädter Echo 19.12.2016
Johannes Breckner im Darmstädter Echo 19.12.2016

Die 7. Deutsche Science Slam Meisterschaft

 

Das große Finale - Moderation: Alex Dreppec und Axel Röthemeyer

 

17.12.2016 20 Uhr Darmstadtion, Schlossgraben 1, 64283 Darmstadt

 

Die siebte Deutsche Meisterschaft im Science Slam.
Das große Finale. Es moderieren der Erfinder des Science Slam  Alex Dreppec zusammen mit dem Co-Moderator, der auch schon beim ersten Science Slam 2006 dabei war  Axel Röthemeyer.

 

Teilnehmer:        Matthias Mader, Nano-Physiker

 

                         Dennis Schulz, Tieftemperatur-Physiker

 

                         David Maximilian Fußhöller, Protein-Biologe

 

                         Dr. Kai Hensel, Humangenetiker

 

                         Philipp Wilke, Physiker und Atom-Dompteur

 

                         Ricardo Fernandez, Nuklear-Physiker

 

                         Johannes Kretzschmar, Künstliche Intelligenz

 

                         Uwe Gaitzsch, Werkstoff-Physiker

 

 

 

 

 

 

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