Science Slam Hirnstadt Darmstadt

 

Der nächste Termin in der Centralstation: 24. Februar 2018

 

Näheres demnächst hier.

 

24.9.2017 11 Uhr

 

Gibt es böse Quantenteilchen?

 

 

 

Science Slam in der Hirnstadt Darmstadt – Christoph Sträter aus Dresden erkämpft sich den ersten Platz

 

 

 

Im ausverkauften Saal der Centralstation konnte der Moderator Alex Dreppec am Samstag nicht nur weitgereiste Wissenschaftler, sondern auch Gäste aus der unmittelbaren Umgebung begrüßen: Johann Liebeton, Michael Massoth und Peter Heiland vertraten die Wissenschaftsstadt; Thomas Tollheimer kam aus dem Odenwald und Anna Müllner aus Frankfurt. Trotz dieser regionalen Übermacht konnte sich Philipp Gadow aus München ebenso behaupten, wie Christoph Sträter aus Dresden, der am Ende mit dem Sieg belohnt wurde. Den Rahmen schuf die Singer/Songwriterin Bea Bacher aus Stuttgart.

 

 

 

Am Samstag konnte das Publikum sich mit den eher leisen Tönen einer außergewöhnlichen Sängerin einstimmen: Bea Bacher aus Stuttgart. Sprach Alex Dreppec in seiner Anmoderation noch vom prophezeiten Weltuntergang, so sang die Stuttgarterin vom Sonnenuntergang. Bea Bacher ist in Darmstadt keine Unbekannte mehr. Doch wo immer sie mit ihrer Gitarre auftaucht, wird es mucksmäuschenstill. Ihre Texte handeln von der Schwermut der Großstadt. Von einem Leben zwischen Luxusvillen und Mülldeponien, Schickeria und Unterwelt, Staatstheater-Hochkultur und Straßenmusikanten. Hier folgt auf das Pflaster der Strand und aus dem Fluss wird ein Meer. Bea Bachers Stimme schmuggelt sich zwischen überschäumender Freude und Melancholie schmeichelweich unter die Haut.

 

 

 

Den undankbaren ersten Startplatz unter den Science Slammern erloste sich Johann Liebeton. Er arbeitet in Darmstadt, kommt aber eigentlich aus Bensheim und ist Biologe. Gegenstand seiner Forschungen ist die Düngung mit Phosphat. Auch der Unbedarfte weiß, dass wir ohne diesen Dünger längst wieder unter Hungersnöten litten. Doch es gibt nur drei Länder, die ihn exportieren: China, Marokko und die USA. Spätestens 2080 wird der Förderhöhepunkt erreicht sein. Natürlich weiß Liebeton, dass die Forderung nach einem Essens-freien Sonntag ungehört verhallen würde; aber auch die autofreien Sonntage hatten ja keine nachhaltige Wirkung. Stattdessen arbeitet er an Alternativen – beispielsweise Wasserlinsen als einem organischen Dünger.

 

 

 

Der Physiker Philipp Gadow aus München möchte ebenfalls Licht in wissenschaftliches Dunkel bringen. Sein Gebiet ist allerdings etwas größer; es handelt sich um nichts Geringeres, als das Universum. Woraus besteht das eigentlich? Jedes Kind lernt auf der ganzen Welt in der Schule das Periodensystem der Elemente, wo bekanntlich an Position einhundertzehn das Darmstadtium steht. Doch diese jedem Naturwissenschaftler bekannten Elemente im System machen nur fünf Prozent des Universums aus, wie uns der Astro-Physiker erklärt. Der Rest ist Dunkle Energie – von der wir dummerweise noch so gut wie nichts wissen. Um darüber etwas zu erfahren, müssen wir die Relativitätstheorie mit der Quantenmechanik verschränken. Dazu führte er uns am Samstag den ganzen Teilchenzoo vor. Doch schnell sind zehn Minuten vorbei, so dass er den Zuhörern eine Internet-Adresse mitgibt, damit sie an seinem Neutrino-Experiment wenigstens später mit ihrem Smartphone teilnehmen können.

 

 

 

Michael Massoth ist Professor für Telekommunikation im Fachbereich Informatik an der Hochschule Darmstadt. Was den Science Slam angeht, ist er ein alter Hase: Bereits vor zehn Jahren beim zweiten Science Slam überhaupt konnte Alex Dreppec ihn ankündigen. Am Samstag berichtete er über kriminaltechnische Untersuchungen im weltweiten Netz. Das Pentagon beschäftigt allein 27.000 Public-Relations-Fachleute, alle großen Presseagenturen zusammen kommen nicht einmal auf ein Drittel des Personals. Kein Wunder, dass es ohne deren Fake-News weder in Vietnam noch im Nahen Osten einen Grund für Kriege gegeben hätte. Am Samstag erzählt er von der Brutkastenlüge, die zum ersten Irak-Krieg führte und von den Machenschaften im amerikanischen Wahlkampf.

 

 

 

Mit dem Kampf gegen den Krebs beschäftigt sich Anna Müllner aus Frankfurt. Sie hat Pharmazie und molekulare Bio-Technologie studiert. Der Krebs zerstört unsere DNS. Am Samstag verweist sie auf eine Liste der World Health Agency. Darin werden in vier Kategorien Stoffe aufgelistet, die krebserregend, wahrscheinlich beziehungsweise möglicherweise krebserregend, nicht klassifizierbar oder nicht krebserregend sein sollen. In der letzten Kategorie finden sich so wichtige Lebensmittel wie Gitarren- oder Violinsaiten. Niemand will an Krebs erkranken. Im Gegenteil: Wir alle wollen möglichst lange jung und gesund bleiben. Deshalb gibt es Anti-Aging Produkte, die man in der Drogerie kaufen kann. Dass es dort zum Beispiel auch Sperma gibt, war den meisten Zuhörern wohl neu. Mit ihrem humorvollen Vortrag wurde sie unter den ersten vier Science Slammern Etappensiegerin.

 

 

 

Peter Heiland aus Darmstadt kommt ursprünglich aus Hamburg. Als echter Hanseat fragt er: What the Fuck is Hochwasserrisiko-Management? Oder: Was hat Klimawandel mit uns zu tun? Er beschäftigt sich mit Raumordnung, Risikomanagement, Hochwasserschutz und Verkehrsprojekten. Das alles bringt er auf eine kurze Formel: Lasst uns die Welt retten. Dann erzählt er eine Art Märchen über Johann Gottfried Tulla. Doch das ist kein Märchen. Der Mann hat tatsächlich gelebt, nämlich von 1770 bis 1828. Und er begradigte den Rhein. Immer wieder lässt Heiland in seinem humorvollen Vortrag aktuelle Bezüge aufblitzen, beispielsweise zu Stuttgart 21 oder dem Großflughafenvorhaben in Berlin. Bereits im achtzehnten Jahrhundert wurden Vorteile gefeiert und Nachteile ignoriert. Und nach seinen Worten hat sich daran nichts geändert. Wir erfahren, wieso das Hochwasserproblem so gewachsen ist – und dass es Menschen sind, die daran die Schuld tragen. Der Klimawandel ließe sich nur stoppen wenn: die USA einen anderen Präsidenten hätten, es in Indien seit dreißig Jahren Geburtskontrollen gegeben hätte, Mercedes ein Elektroauto entwickeln würde etc. Er ist also nicht zu stoppen – deshalb brauchen wir ein Hochwasser-Risiko-Management.

 

 

 

Einen ganz außergewöhnlichen Vortrag hielt Thomas Tollheimer aus dem Odenwald. Er ist Patent-Ingenieur und glaubt, dass das Patentwesen für die meisten Menschen staubtrocken ist. Am Samstag machte er uns jedoch klar, warum er es „irre spannend“ findet. Ein Patent könne jeder anmelden; das sei gar nicht so teuer. Es bestehe aus dem Namen des Anmelders, einer Nummer, dem Datum, der Klasse und einer Zeichnung. Er erklärt es an Beispielen, wie einer Weißwurst, mit Senfkern und Pelle. Man müsse genau angeben, woraus das alles bestehe. Und er erwähnt ganz besonders verrückte Patente. Eine Art Abschuss- oder Einfüllvorrichtung für Tennisbälle war konzipiert, um gesunkene Schiffe zu heben. Sie wurde dann aber nicht patentiert, weil sie bereits in ähnlicher Form in einem alten Micky-Maus-Heft beschrieben worden war.

 

 

 

An dieser Stelle weitschweifig über Science Slam zu reden, hieße Heiner nach Darmstadt zu verbringen – oder Rippchen nach Frankfurt. Für Neulinge will ich trotzdem ein paar Fakten einfügen: Konzipiert und realisiert wurde der Science Slam 2006 von Alex Dreppec in der legendären Stoeferle-Halle 603 qm in Darmstadt. Vorher war einfach niemand auf die Idee gekommen, Wissenschaftler zu bitten, ihr Forschungs-Projekt in zehn Minuten allgemeinverständlich darzustellen. Das hat der Wissenschafts-Community so gut gefallen, dass es mittlerweile in allen Erdteilen Science Slams gibt. Dass so etwas in der Wissenschaftsstadt Darmstadt immer ausverkauft ist, versteht sich am Rande.

 

 

 

Beim Science Slam kommt es nach den Worten des Verständlichkeitsforschers Alex Dreppec immer auf einen Ausgleich an zwischen Verständlichkeit und Information. Dass man das auch als eine Balance aus Wissen und Unterhaltung ansehen kann, ist offensichtlich. Besonders artistisch bewegte sich auf diesem schmalen Grat am Samstag Christoph Sträter aus Dresden. Er ist theoretischer Physiker am Max-Planck-Institut für die Physik komplexer Systeme. Sein provokanter Titel lautet: Gibt es böse Quantenteilchen?

 

Bekanntlich betreiben wissenschaftliche Institute wie die mit dem Namen Max Planck Grundlagenforschung. Sträter erklärt dies als  Forschung, die momentan irrelevant ist – aber in fünfzig oder hundert Jahren lebenswichtig. So ganz nebenbei erklärt er die Wellengleichung, mit der man die Zukunft von Quanten voraussagen kann, wenn man sie ins Quadrat setzt. Doch Quanten wie die Bosonen, Fermionen oder Anyonen können an mehreren Orten gleichzeitig sein. Wer bis hierhin folgen konnte, dem erklärt der Physiker den Teilchenzoo; eine Kollektion kleinster Teilchen, aus der alles im Universum besteht. Die Teilchen unterscheiden sich in der Masse, in der Ladung, und so weiter. Man unterscheide jedoch die sozialen Bosonen (zum Beispiel Photonen), die immer mit anderen zusammen kuscheln möchten – und die eigenbrötlerischen Fermionen (zum Beispiel Elektronen), die sich lieber aus dem Weg gingen. Dazwischen gäbe es noch die Anyonen. Sie seien im Zweifel gelassen, ganz im Sinne von Senecas Stoizismus. Zu den Bosonen zählt er auch Politiker wie Hillary Clinton; zu den Fermionen eher Donald Trump. Welche Politiker allerdings im Sinne Senecas handelten, das ließ er wohlweißlich offen. Trotzdem wurde er mit seinem geschliffenen Vortrag Gesamtsieger.

 

 

 

Marc Mandel.

 

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